Kommentar: Der lange Weg zur Perfektion

Viele wollen beim Kauf der ersten Mecha gleich die perfekte Tastatur erstehen. Warum selbst die fünfte noch nicht perfekt ist und der Weg zur Perfektion ein Wandeln auf Irrwegen ist, möchte ich heute darlegen.

Der lange Weg zur PerfektionBeitragsbild Weg zur Perfektion

Die alte Rubberdome-Tastatur auf dem Schreibtisch macht beim Schreiben den Eindruck, als quäle man sie mit jedem Tastenschlag. Die Beschriftung der Tastenkappen versteckt sich schon, in der Hoffnung, so einem weiteren Anschlag zu entgehen. Krümel, Staub und Dreck fressen den alten Weggefährten von innen auf. Der Zustand ist katastrophal und man kommt zu der Erkenntnis: an der aktiven Sterbehilfe führt kein Weg vorbei. Und wenn man sich schon eine neue Tastatur zulegt, dann auch gleich eine mechanische, denkt man sich.

Der Kaufberatungsthread ist Bestattungsunternehmen und Partnerbörse zugleich. Wenn die Beratung mit dem Drücken des Bestellbuttons endlich abgeschlossen ist und man ungeduldig auf die Ankunft seines neuen Schatzes wartet, hat man unter das Thema einen geistigen Schlussstrich gezogen.

Die Euphorie ist groß, wenn man zum ersten Mal in den Genuss einer mechanischen Tastatur kommt. Das Schreibgefühl ist dem einer Rubberdome um Welten überlegen.
Doch schon nach wenigen Tagen breiten sich erste Zweifel aus: Könnte mir ein anderer Schalter nicht doch besser gefallen? Wäre ein kleinerer Formfaktor nicht besser? Obwohl man mit dem Kauf seiner ersten Mecha den Schreibkomfort um einen gigantischen Wert verbessert hat, macht sich das Gefühl breit, man könne das noch optimieren. Es gibt immer eine Sache die stört. Diese eine Sache, die der Perfektion im Weg steht.

Also schafft man sich eine Tastatur ohne Nummernblock an, nur um festzustellen, dass einem Cherry-Stabilisatoren nicht gefallen. Nächster Versuch. Costar-Stabilisatoren sind an Board, aber kratzen die Schalter nicht irgendwie? Da hilft nur eines: auseinandernehmen, die Schalter rauslöten und jeden einzelnen schmieren. Endlich Ruhe. Aber, was ist das für ein Geräusch? Ping, ping, ping. Was hilft denn dagegen? Im Forum fragen: habt ihr das auch?
Weil man sich zwischenzeitlich immer noch nicht sicher ist, welcher von den ganzen Schaltern denn nun der absolute Lieblingsschalter ist, kauft man sich nebenher noch ein paar Tastaturen. Die Suche nach der perfekten Tastatur ist ein Hürdenlauf, bei der man jede Hürde vor sich mit der Ziellinie verwechselt. Es gibt doch immer etwas, über das man noch drüber springen möchte

Mecha-Matrix

Selig sind die Unwissenden, die nicht ahnen, wie gut sich so eine Mecha anfühlen kann. Aber gepeinigt sind die, die wissen, wie viel besser sich unsere Tastatur noch anfühlen könnte. Das gilt nicht nur für Mechas. Selig sind auch diejenigen, die mit den billigsten beigelegten Kopfhörern zufrieden sind, oder diejenigen, die ihr Leben lang nur Werbegeschenk-Kugelschreiber benutzen.
In unserem elitären Unglück gefangen, nehmen wir die in Beschuss, die mit etwas glücklich sind, mit dem wir nie wieder glücklich sein könnten. Wie man nur mit einer – kurze Pause, Blick in den Spiegel, der abfällige Blick sitzt – Rubberdome schreiben könne, fragen wir sie und sagen herablassend und besserwisserisch, dass sie nur nicht wüssten, wie es sich auf einer Mecha tippt.
Und das ist ihr Vorteil. Sie leben in einem geschlossenen System. Sie leben in einer Welt, in der eine signifikant bessere Tastatur nicht existiert. Sie leben in der Matrix.

Und wir, wir müssen die bittere rote Pille schlucken. Natürlich ist es Fluch und Segen zugleich. Glücklich sind wir schon auch mit unseren Mechas. Das Gefühl nach einer längeren Reise wieder vor dem heimischen Rechner zu sitzen und die Tasten seiner heiß geliebten Mecha zu bedienen ist schon etwas besonderes. Das Tippen an sich ist von einer Arbeit oder einer Notwendigkeit zu einer Freude geworden. Und nicht zuletzt sind wir Teil einer besonderen Gemeinschaft, die ich als sehr offenherzig und als sehr hilfsbereit empfinde.
Aber gerade wenn ich mir meine letzten Versuche ansehe, eine perfekt klingende Tastatur zu bekommen, wird mir bewusst, wie sehr uns diese geschulte Wahrnehmung auch belasten kann. Denn nur, weil meine Tastatur jetzt um Längen besser und befriedigender ist, heißt das noch lange nicht, dass ich dadurch auch zufrieden bin.

Ich glaube, dass ich mich noch immer auf dem langen Weg zur Perfektion befinde. Doch immer, wenn ich dem Ziel einen Schritt näher bin, verschärft sich mein Blick und ich beginne Dinge als störend zu betrachten, die sich meiner Wahrnehmung vorher entzogen haben.
So gehe ich also Tag für Tag aus dem Haus, wissend um die Freude, die ich mit meinen Tastaturen habe, wissend um die Gemeinschaft, in der ich mich bewege und drehe meine Runden auf dem kreisrunden Sportplatz der Mechas und gehe den langen Weg zur Perfektion.

8 Gedanken zu “Kommentar: Der lange Weg zur Perfektion”

  1. Jop, kann mich Karsten nur anschließen. Du hast eine sehr unterhaltsame Art zu schreiben, voller Wortwitz und dem Gespühr, beim Gegenüber ein grinsen auf die Lippen zu zaubern, mach weiter so!

  2. Schöner Artikel.

    Die Suche nach der „Richtigen“ macht zwar Spaß, kann aber auch zu elendem Zwang zu Neuerungen werden.

    Genügsamkeit ist auch ’ne Tugend, besser halbwegs passende anpassen, als noch mehr Testobjekte anhäufen.

    Von 15+ Mechas, die ich länger hatte, am schlimmsten Punkt 6 gleichzeitig, liegen bei mir nur noch 2. Meistgenutzt bleibt die zweite, die ich überhaupt erworben habe. (:

    • Ich habe gerade am Anfang sehr häufig die Mecha gewechselt, zurückgeschickt, verkauft, mich umentschieden. Mittlerweile sehe ich es eher so, dass mir viele Mechas gefallen und ich einfach die dransteck, auf die ich gerade Lust habe. Im Moment hängt bei mir aber ausschließlich die HHKB, verspüre (noch) kein Verlangen nach einem Wechsel. 😀

  3. Lustiger Artikel.
    Tastaturen, Kopfhörer und Kugelschreiber sorgten auch bei meinen Freuden des öfteren für Unverständnis.
    „Warum für etwas mehr Geld ausgeben oder überhaupt welches?“ – war dann immer die Frage.

    • Ja das Unverständnis kenne ich. Dabei finde ich es mittlerweile selbstverständlich, bei Dingen, die ich täglich benutze, mehr Geld zu investieren – einfach, weil die Qualität stimmen muss. 🙂

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